Rosa und Lenny malen und zeichnen, was sie gerade bewegt. Foto: Lutz Schäfer
Kunst-Aktion für Kinder und Jugendliche

Alles anders

Wie hat sich dein Leben seit Corona verändert? Was hast du neu entdeckt? Zu diesen Leitfragen hat das Institut für Kunst der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe Anfang April 2020 die Kunst-Aktion „Alles anders“ ins Leben gerufen. Kinder und Jugendliche waren aufgefordert, mit Farbe, Stiften, Fotos oder Filmen ein Bild ihres neuen Lebens zu machen. Einsendeschluss war der 20. Mai. Über 30 Arbeiten hat Prof. Dr. Lutz Schäfer, Leiter des Instituts für Kunst, nach und nach als "Bild des Tages" ausgesucht. Zu sehen sind sie hier in einer Online-Ausstellung.

Herzlich willkommen und viel Freude beim Anschauen. Es gibt viele Techniken zu entdecken und jede Menge interessante Details!

„Alles anders“ zum Hören

Die PH Bildungswelle hat in ihrer Ausgabe vom 27. Mai 2020 über die Kunst-Aktion berichtet. Der Beitrag von Lena Hofbauer steht auf  www.junger-Kulturkanal.de zur Verfügung.

Online-Ausstellung

Bild des Tages - 22. Mai

Olivia Möhl (10 Jahre): Stillleben

Lutz Schäfer: „Ein Stück Absperrband, ein blauer Einweg-Handschuh, eine Flasche Desinfektionsmittel und ein loser Mundschutz: Olivia sammelt Alltagsgegenstände, die ihr etwas bedeuten, dekonstruiert diese und klebt die Reste auf. Die nun fehlenden Einzelteile ergänzt sie mit Buntstiftzeichnungen so, dass es wieder ein Ganzes ergibt. Dabei vesucht sie, so naturgetreu wie möglich zu ergänzen. Die Einbindung von gebrauchten Dingen in eine neue bildhafte Ordnung ist bei Olivia aber vor allem inhaltlich motiviert: Ihr Anliegen betrifft viel mehr als die bildnerische Wiedergabe der äußeren Wirklichkeit. Durch die Abbildung der Gegenstände wird Olivia zu einer Chronistin unserer Zeit und präsentiert in ihrem Stillleben die jüngsten Ikonen unseres kulturellen Gedächtnisses.“

Bild des Tages - 20. Mai

Caroline (14 Jahre): Intensivstation

Aus Kleber, Borax, Styroporkugeln, Holz, Draht, Fimo, Acrylfarbe, Stoff und Pastellkreide hat Caroline eine figürliche Plastik gebastelt.

Lutz Schäfer: „Carolines selbstgebastelte Krankenhausszene wirkt zunächst lustig: Die bunten Spielfiguren wirken einschließich des Patienten vergnügt. Dabei ist die Szene erschreckend und abstrus: Ein als Arzt verkleidetes Virus geht mit einer Kunstfigur aus Hollywood und einem lebenden Mundschutz aus China auf die tägliche Stip-Visite zum Bären auf die Intensiv-Station. Carolines Szene erinnert an das absurde Theater, in welchem sich irreale und groteske Situationen mit tragischen und komischen Motiven mischen. Hier werden Ängste ins Absurde übersteigert und ironisiert, um den Wahnsinn des Lebens zu fassen.“

Bild des Tages - 19. Mai

Friedrich (16 Jahre): Graffiti

Meinen beiden Freunden und mir war in den Coronaferien langweilig. Wir sind mit den Rädern rumgefahren. Da haben wir eine Hütte entdeckt, die mit Graffiti vollgesprüht war. Dann sind wir gleich in den Hornbach gefahren und haben Spray-Dosen gekauft.

Lutz Schäfer: „Die meisten Kinder ab ca. 12 Jahren sagen von sich, dass Malen und Zeichnen für sie keine große Bedeutung haben. Doch ist das das ausschließliche bildnerische Verhalten? Vor allem männliche Jugendliche entdecken die ‚Street Art‘, mit der Sprühdose aufgetragene Bilder im öffentlichen Raum. Diese Zeichnungen werden nicht auf Papier, sondern auf Mauerwerk und Betonwände aufgetragen. Friedrichs Figur zeigt eine breit lächelnde Gestalt, einen ‚Kopffüßler‘. Solche einfachen, archaischen Bildzeichen mit den sicher gesetzten, dynamischen Linien entstehen spontan und aus dem Bedürfnis, Zeichen zu setzen und Spuren zu hinterlassen – ein anthropologisches Motiv.“

Bild des Tages - 18. Mai

Anny (5 Jahre): Mehr ist mehr

Lutz Schäfer: „Anny hat sich in ihrem Garten dargestellt. Dabei zeigt sich deutlich die anarchische Qualität des Prinzips der Collage, wenn die 5-Jährige völlig unterschiedliche Materialien und Techniken wild kombiniert. Ins Zentrum des Bildes klebt sie ein Foto, das sie übermalt. Mit Wachsmalstiften fügt sie mit der Blume und der Sonne zwei bekannte Bildsymbole hinzu und legt eine rote Himmelsfläche an. Auf diese klebt sie eine Kastanie, die sie mit violetter Farbe umkreist und durch zwei kleine Muscheln zu einem Schmetterling macht. Schließlich klebt Anny auf den Bilderahmen Steine und weitere Muscheln aus ihrer Sammlung. Die plastischen Materialien bekommen nun eine Doppelfunktion, denn sie bleiben als Fundstücke mit ihrer eigenen Präsenz und Geschichte erhalten, werden aber zugleich zu Bildelementen der Gartenszene. Zum Glück weiß Anny noch nichts von der weit verbreiteten Ansicht ‚weniger ist mehr‘“.

Bild des Tages - 15. Mai

Emilian (9 Jahre alt): Alles anders

Lutz Schäfer:  „Vorhandene Teile zu neuen Bildern zusammensetzen: damit spielt das Collagieren. Der Begriff ‚Collage‘ leitet sich vom französischen Wort coller ab, was übersetzt ‚(auf-)kleben‘ heißt. Ein traditioneller Ausgangspunkt für Collagen sind Zeitschriften. Auch Emilian hat dieses Anregungspotenzial aufgegiffen und mit wenigen Schnitten Dinge in neue, ungewöhnliche Zusammenhänge gebracht: Blumen verbünden sich mit Wolken, im Baum wachsen Karotten und ein stiefeltragender Esel trinkt aus einer Gießkanne - gleich wird er von einem Rieseninsekt gestochen. Emilian hat beim Thema ‚alles anders‘ einen großen Bogen um das Virus gemacht und gezeigt, dass das Spiel mit Sinnzusammenhängen beim Betrachter für gehörige Irritation sorgen kann.“

Bild des Tages - 14. Mai

Eva (8 Jahre): Der Corona-Virus wird angegriffen

Lutz Schäfer: „Mit dem berüchtigten Schulfarbkasten hat Eva eine malerische Angriffsstrategie gegen das Virus entwickelt. Dafür hat sie den ‚Feind‘ mit breitem Pinsel und roter Farbe im bekannten Schema in der Mitte platziert. Die Angriffe werden zunächst mittels dicker, grüner Linien vorgetragen. Die Besonderheit des Bildes sind die dünnen, spielerischen Linien aus blauer und grüner Farbe in der Peripherie. Eva hat Murmeln mit verdünnter Farbe angemalt und diese immer wieder über die Bildfläche kullern lassen. Eva interessiert sich vor allem für den Farbauftrag mit dem ungewöhnlichen Werkzeug. Wie jede kugelartige Form lässt sich die Murmel zwar steuern, macht aber auch, was sie will. Die Spannung zwischen Kontrolle und Zufall macht den besonderen Reiz dieses Verfahrens aus und zaubert Linien auf das Blatt, die gar nicht aggressiv und kämpferisch wirken, sondern beschwingt und tänzerisch, wie die Spuren einer Eiskunstläuferin.“

Bild des Tages - 13. Mai

Thea (9 Jahre): Traum und Wirklichkeit

Lutz Schäfer: „Theas Doppelbild liegt ein einfache, aber raffinierte Idee zu Grunde: Sie malt sich selbst zweimal am gleichen Ort, wobei sich die beiden Zeichnungen nur in Nuancen unterscheiden. Auch der zeitliche Abstand kann nicht groß sein, denn Theas Erscheinungsbild hat sich nicht geändert. Hüben wie drüben ist sie das neunjährige Mädchen mit blonden Haaren, Bluejeans und schwarzem Shirt. Und doch liegen Welten zwischen Wirklichkeit und Traum. Drei grüne, ‚zapfenartige‘ Formen machen den Unterschied aus, der ihr Tränen in die Augen treibt, die vom Mundschutz aufgefangen werden. Auffällig ist die sogenannte ‚Simultanperspektive‘, wenn Thea den Weg aus der Vogelperspektive malt und sich selbst von vorne. Während sie die Szenen im Wald ganz linear gestaltet, d.h. die Formen präzise fasst und ausmalt, hat sie den Hintergrund ganz ‚malerisch‘ mit blaugrauer Farbe angelegt. Sie schafft so eine Folie, vor der die bunten Farben ihrer Erinnerungen noch schöner scheinen.“

Bild des Tages - 12. Mai

Philipp (12 Jahre): Corona-Monster

Lutz Schäfer: „Ab einem Alter von etwa zwölf Jahren bilden sich bei vielen Jugendlichen realitätsnahe Bildkonzepte aus, die auch expressive oder surreale Tendenzen haben können. Inspiriert werden diese häufig durch Bilder der Massenmedien wie Comics oder Cartoons. Die Darstellung der Augen zeigt, dass Philipp hier genau hingeschaut hat. Die alarmierende Farbgebung des Monsters und seine angsteinflößende Größe haben einen deutlich expressiven Charakter. Aus Kunstgeschichte und Comics bekannt ist auch die Strategie des Surrealen, wenn Unwirkliches oder Phantastisches erschaffen werden. Philipp beseelt und ‚vermenschlicht‘ seinen Virus und strebt dabei eine realitätsnahe Darstellung an, wie man an den Fingernägeln und Zähnen besonders gut erkennen kann. So zeigt er mit seinem Bild beeindruckend, dass man ohne Text durch Übertreibung und Verfremdung ausdrucksstarke Botschaften senden kann.“

Bild des Tages - 11. Mai

Simon (5 Jahre): Geisterkampf

Simon lebt seine Kampf-Phantasien immer wieder in Bildern aus. Wenn er über seine Bilder spricht, ist sein ganzer Körper in Bewegung.

Lutz Schäfer: „Wenn Kinder in Bildern Gewaltphantasien ausdrücken, sind Eltern oft beunruhigt. Anstelle eines gemalten Herzens liegt dann eine bedrohliche ‚Geisterschlacht‘ auf dem Muttertagstisch. Vor dem Lesen des Bildes muss man sich zunächst klarmachen, dass Gewalt auf den Menschen auch Anziehungskraft ausübt - ein Blick in den Fernsehapparat wie in die Kunstgeschichte wird dies bestätigen.

Der fünfjährige Simon komponiert ein hochkomplexes Bildgefüge mit einer packenden Dramaturgie, die er selbst erläutert: ‚Die Geister greifen das Haus an. Aus dem Schornstein kommt giftiger Rauch, der die Geister vertreiben soll. Aber die Geister haben ein Gegengift. Sie kommen in jedem Fall ins Haus!‘

Beeindruckend ist, wie einfallsreich Simon beim Erfinden der Geister ist. Für die Darstellung von Figuren hat er keineswegs nur ein Darstellungsschema. Jeder Geist bekommt einen eigenen Charakter: immer wieder lässt er sich neue Körper-, Kopf- und Augenformen einfallen. So entstehen zahlreiche Typen, deren rhythmische Anordnung zwischen den beiden Häusern die Dynamik der Kampfhandlungen zum Ausdruck bringt.

Kann man in einem solchen Bild etwa tiefere Ängste des Kindes erkennen? Wurde das Thema der Bedrohung durch Geister durch den Schrecken des Corona-Virus inspiriert? Naheliegend ist es, mit dem Kind über das Bild ins Gespräch zu kommen. ‚Möchtest du zu deinem Bild etwas erzählen?‘ kann die Möglichkeit eröffnen, etwas über eventuelle Belastungen des Kindes zu erfahren. Erst im Zusammenspiel mit den verbalen Äußerungen und weiteren Beobachtungen des Verhaltens ergibt sich die Möglichkeit, die Motive des Kindes zu ergründen. Sie zu unterdrücken, wäre ein Fehler.“

Bild des Tages - 8. Mai

Caroline (12 Jahre): Alles anders im Supermarkt

Lutz Schäfer: „Caroline verfolgt deutlich ein realitätsnahes Bildkonzept. Tatsächlich ist der Beginn des Jugendalters beim bildnerischen Gestalten häufig durch eine Tendenz zur gegenstandsadäquaten Detaillierung gekennzeichnet. Dass diese Phase keinesfalls mit dem ‚Verlust des gestalterischen Potentials‘ einhergeht, wie früher oft behauptet, wird an Carolines Bastelarbeit deutlich.

Die zwölfjährige Schülerin zeigt sich beim bildnerischen Prozess ausgesprochen flexibel, wenn sie ihre ‚stummen Gestalten‘ aus Klopapierrollen und kleinen Luftballons plastisch formt und mit gebotenem Sicherheitsabstand symmetrisch um die Kasse aufstellt. Genau beobachtet und liebevoll umgesetzt sind zahlreiche Details wie die getätigten Einkäufe, die individuellen Mund- und Nasenmasken und die Plexiglas-Trennscheibe vor der Kassiererin. Um die Vielzahl von Bildelementen zu konzentrieren, hat Carolin aus einem Karton mit einfachen Mitteln einen bühnenartigen Raum gebaut. Auf diesem wird eine Szene geboten, die zweifellos unsere Lebenswirklichkeit spiegelt und dabei doch wie surreales Theater wirkt.“

Bild des Tages - 7. Mai

Fabienne (12 Jahre): Isoliert

Lutz Schäfer: „Große Kartons üben auf Kinder eine ungemeine Faszination aus, weil sie im Kleinen das sind, was Architektur im Großen ist: eine Behausung, welche die Außenwelt von der Innenwelt trennt. Üblicherweise schätzen Kinder diese räumliche Verengung, richten sich darin eine Welt ‚im Kleinen‘ ein und empfinden diese als behaglich. Fabienne nutzt hingegen den Karton, um das Zurückgeworfen-Sein auf sich selbst zu thematisieren. Ihr Haus ist so klein, dass noch nicht einmal das Klopapier hineinpasst. Spannend ist, dass Fabienne dem Motiv der Beschränktheit und Vereinzelung ein kontrastierendes entgegenstellt: Auf den wenigen Quadratzentimetern ihres Handys öffnet sich die große, weite Welt. Fabiennes inszenierte Fotografie wird so zu einem Bild, das weit über die Corona-Krise hinausreicht: die Teilhabe an der digitalen Übermittelung von Licht und Bewegung ist so attraktiv, dass viele Menschen bereit sind, auf Bewegung und Begegnung zu verzichten.“

Bild des Tages - 6. Mai

Maria (12 Jahre): Am Schreibtisch

Nachdem zu Beginn der Kunst-Aktion „Alles Anders“ viele Kinder noch die neu gewonnene Freizeit als zentrales Moment der Veränderung der Corona-Pandemie beschrieben haben, gehen nun zunehmend Bilder ein, in welchen die negativen Veränderungen wie „Angst“ oder das „Abgeschnitten-Sein“ von Freundinnen und Freunden thematisiert werden.

Lutz Schäfer: „Nach Ende der Grundschulzeit spielen für Kinder und Jugendliche erscheinungstreue Darstellungen eine zunehmend größere Rolle, wobei sie häufig, wie Maria, künstlerische Darstellungscodes wie die Zentralperspektive aufgreifen. Maria stellt Linien, die in Wirklichkeit senkrecht und waagrecht verlaufen auch als solche dar. Linien, die in Wirklichkeit orthogonal in die Tiefe laufen, lässt sie auf einen imaginären ‚Fluchtpunkt‘ zulaufen. Dadurch entsteht, unterstützt durch das Mittel der Überschneidung, ein tiefenräumlicher Eindruck. In ihrer Zeichnung setzt Maria mit der Rückenfigur einen weiteren spannenden Kunstgriff ein: Mit ihr kann sich der Betrachtende identifizieren und so in die Situation ‚einsteigen‘. Mit Maria sitzt er oder sie nun an einem grauen Schreibtisch, der mit zwei Notizzetteln und zwei Andenkenbildchen auf der Schreibtischunterlage nicht viel Abwechslung zu bieten hat. Marias Bild drückt so sehr eindringlich den aktuell stark eingeschränkten Handlungsspielraum von Kindern und Jugendlichen aus.“

Bild des Tages - 5. Mai

Clara (9 Jahre): Spielplatz geschlossen

Lutz Schäfer: „Claras Spielplatz ist in seiner Reduktion verblüffend. Die neunjährige Schülerin verzichtet in ihrer Darstellung nicht nur auf das Abbilden von Warnschildern oder ohnmächtigen Zaungästen: Sie verzichtet auch auf jeglichen Bildhintergrund und präsentiert die verlassenen Spielgeräte vor einer weißen Folie. So geraten das Klettergerüst und die Rutsche zu einer rhythmischen Ansammlung von vertikalen und horizontalen Linien unterschiedlicher Strichstärken. Diese verselbstständigen sich zu einer Netzstruktur, welche die gesamte Bildfläche füllt. Dieser Verzicht macht das Bild zu einem Spiel zwischen großen und kleinen Rastern, zwischen gefüllten und leeren Flächen. Bei allem Staunen über das austarierte Bildgleichgewicht bleibt beim Betrachter das Gefühl von Menschenleere und Unwirklichkeit zurück.“

Bild des Tages - 4. Mai

Lea (10 Jahre): Doppelbildnis

Für Leas Doppelbildnis stand ihr Papa Modell, links vor und rechts während der Corona-Pandemie. Er ist der einzige aus der Familie, der nicht im „Homeoffice“ arbeitet und deshalb auch die Einkäufe übernimmt, seit letzter Woche mit Mundschutz.

Lutz Schäfer: „Wenn Menschen Bilder betrachten, achten viele vor allem darauf, was abgebildet wird und ob das ‚gut gemalt‘ ist. Damit meinen sie, dass es dem Vorbild ähnelt. Neben dieser ‚Darstellungsfunktion‘  haben Kunstwerke in der ‚Ausdrucksfunktion‘ ein weiteres, ganz besonderes Potenzial. Formen und Farben können etwas ausdrücken und den Betrachter ganz unmittelbar berühren, was  auch das Bild von Leas Papa zeigt: Die gelbe Farbe hat eine warme Ausstrahlung und beeindruckende Leuchtkraft, die einfach positive Energie ausdrückt. Diese Wirkung unterstreicht der rote, breit geschwungene Mund. Abbildhaft könnte aus dem Doppelbildnis gelesen werden, dass die Friseure gerade ihre Arbeit eingestellt haben.

Beim Mundschutz setzt die Schülerin ein Mittel ein, das man in vielen Kinderzeichnungen findet, den so genannten ‚Röntgenblick‘. Dabei werden mehrere Ebenen simultan dargestellt; Lea malt sowohl den geblümten Mundschutz als auch die darunterliegenden Sommersprossen und Bartstoppeln. Dieses Prinzip unterstreicht, dass sich Kinder an Wissen und Bedeutung orientieren und nicht nur an einer Ansicht von einem Standpunkt aus. Die übliche Bezeichnung ‚Röntgenblick‘ ist eigentlich nicht ganz richtig, denn die Kinder ‚durchleuchten‘ keinen Gegenstand, sondern klären eine Situation in mehreren Bedeutungszusammenhängen.“

 

Bild des Tages - 30. April

Ida (11 Jahre): Skizzenbuch

Idas Kunstlehrerin hat ihre Schüler angeregt, in der Corona-Zeit jeden Tag eine viertel DinA4-Seite als künstlerisches Tagebuch zu führen. Ida hat die Idee aufgegriffen und dokumentiert nun täglich ihr ‚Highlight‘ des Tages. Mittlerweile sind so schon viele kleine Zeichnungen entstanden.

Lutz Schäfer: „Sich mit sich selbst beschäftigen, war schon in der griechischen Kultur ein Thema (heautû epimeleîsthai ). Der französische Philosoph Michel Foucault griff dieses auf und empfahl unter anderem, jeden Abend einige Momente zur Sammlung ‚zum Überschauen des verronnenen Tages‘ einzuräumen. Dabei kann es hilfreich sein, diese Reflexionen zu dokumentieren, was mittels Text-Bild-Collagen leichterhand gelingen kann. Der Tipp der Kunstlehrerin, ein sehr kleines Format zu wählen, ist schlau, denn ein weißes Blatt Papier schüchtert viele erstmal ein. Die Angst des Schriftstellers vor dem ersten Wort ist wie die der Künstlerin vor dem ersten Strich legendär. Ida gestaltet mit leichtem Strich und ergänzt die Bilder immer wieder mit Wörtern, wenn sie den Zeichnungen nicht traut. So entsteht ein lebendiges Tagebuch, geboren aus der Idee, inne zu halten, um den eigenen Alltag zu reflektieren.“

 

Bild des Tages - 29. April

Erik (8 Jahre) und Felix (6 Jahre): Minecraft-Landschaft

Lutz Schäfer: „Erik und Felix haben tagelange eine ‚Minecraft-Landschaft‘ gebaut. Das Bauen mit vorgegebenem Material wie Bauklötzen, Lego oder anderen Steinen hat auf viele Kinder einen animierenden Charakter. Es gehört zu den additiven plastischen Verfahren, bei denen aus Einzelteilen größere Gebilde zusammengesetzt werden. Die regelmäßigen, klaren Formen können mit einfachen Verbindungstechniken zusammengefügt werden und erlauben mit ihrer Festigkeit die Konstruktion in den Raum, d.h. in die Höhe.

Im besten Fall legen die Eigenschaften des Materials dabei keine Gestaltungen fest, sondern öffnen in ihrer Neutralität einen spezifischen Möglichkeitsraum. Im Unterschied zum Architekten setzen Kinder dabei aber keinen zuvor entworfenen Plan um, sondern entwickeln ihre Ideen im Prozess des Bauens. Zwischen ihrer Phantasie und den spezifischen Bedingungen des Materials entsteht ein kreativer Dialog, der zu nahezu unendlichen Bauvorhaben führen kann.“

Bild des Tages - 28. April

Antonia (10 Jahre): Corona-Altar

Lutz Schäfer: „Die industrielle Massenproduktion überflutet unser Dasein mit Produkten, was schon Karl Marx dazu bewogen hat, von einem Entfremdungsprozess zwischen Mensch und Objekt zu sprechen. Dabei degradieren die Dinge unserer Warenwelt den Menschen mitunter auf seine Rolle als Konsumenten. Wenn Alltagsmaterialien als künstlerisches Mittel eingesetzt werden, werden sie plötzlich wieder bewusst wahrgenommen. Diese Gestaltungsweise hat sich bereits mit dem Einsetzen der Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts etabliert.

Antonia benutzt für ihren Corona-Altar auf dem Wohnzimmertisch betont Massenprodukte als plastisches Material. Dabei zeigt sich, dass Kunstwerke hinsichtlich verschiedener Dimensionen gelesen werden können: Auf der formalen Ebene zeigen sich plastische Qualitäten einer architektonischen Auffassung. Darüber hinaus verweist die Anhäufung von Hygieneartikeln auf unsere aktuelle Lebenswirklichkeit. Und schließlich steht die Anhäufung von bunten Plastik- und Wegwerf-Produkten symbolisch für eine postmoderne Gesellschaft, die in Kaufhandlungen eine zentrale Erfüllung findet.“

Bild des Tages - 27. April

Jamie-Lee (12 Jahre): Corona-Virus

Lutz Schäfer: „Beim künstlerischen Gestalten unterscheidet man zwischen einem prozess- und einem produktorientierten Vorgehen. Prozessorientiert heißt, dass es während des Weges nur eine vage Idee vom späteren Bild gibt. Wohin die Reise geht, entscheidet sich durch die ästhetische Aufmerksamkeit im Moment der Gestaltung. Jede zufällige Entdeckung kann maßgeblich für die weitere Entwicklung werden.

Jamie-Lee geht produktorientiert vor: Sie hat schon vor dem plastischen Gestalten eine Bildidee. Aus Pappmaschee bastelt sie zwei Kugeln und kennzeichnet diese durch eine prägnante Gestaltung der Oberfläche eindeutig: Noppenartige Aufsätze und eine grüne Bemalung machen aus der unteren Kugel einen Noro-Virus, die farbige Fassung der zweiten Kugel transformiert diese unverkennbar zu einem kleinen Modell unserer Erde. Beide Kugeln werden vermenschlicht: der Virus durch das Aufmalen von Comicaugen, die Erde durch das Anbringen eines Mundschutzes. Clever macht sich die Schülerin dabei die formale Ähnlichkeit der kugelförmigen Erde zum menschlichen Kopf zu Nutze. Die Botschaft des Bildes ist prägnant formuliert und für jeden ablesbar: Der Corona-Virus greift nach der ganzen Erde.“

Bild des Tages - 25. April

Leonie (10 Jahre): Mein Zimmer

Leonie geht in die fünfte Klasse und wurde von ihrer Kunstlehrerin via Moodle auf diese Online-Kunstausstellung aufmerksam gemacht. Weil sie seit der Coronakrise so viel Zeit mit dem Lernen in ihrem Zimmer verbringt, möchte sie es zeichnen, und wagt dabei etwas Besonderes: Sie zeichnet ihr Zimmer von oben!

Lutz Schäfer: „Auf einem flachen Stück Papier einen räumlichen Eindruck zu erzeugen, ist ein Wunderwerk, wie Leonies Zeichnung deutlich zeigt. Das Prinzip der Überschneidung ist noch leicht zu verstehen: Wo der Schreibtischstuhl steht, kann man den Holzfußboden nicht erkennen. Deshalb wirkt es so, als ob der der Boden weiter hinten sei. Geometrische Körper lassen sich auch gut mit der Parallelperspektive darstellen, wie man am geschlossenen Schrank oder Leonies Bett gut erkennen kann.

Das mit dem Fluchtpunkt ist da schon kniffliger: Linien von geometrischen Körpern, die in Wirklichkeit parallel zueinander sind, muss man auf der Fläche so zeichnen, dass sie auf einen imaginären Punkt zulaufen. Leonie ahnt das bereits, was man deutlich an den Kanten der vier Raumecken sieht. Neben dem Interesse an der räumlichen Darstellung stellt Leonie in liebevoller Detailarbeit ganz nebenbei auch ihr Zimmer vor: das gut gefüllte Regalsystem, ihre Pinnwand mit bunten Ansichtskarten, einen wunderbaren Notenständer und ihren Arbeitsplatz samt Laptop – sie hat ihn gerade verlassen, um mal eben ihr Zimmer von oben zu zeichnen.“

Bild des Tages - 24. April

Rose (7 Jahre): Schildkrötenfilm

Rose hat in den vergangenen Wochen mit Handy und Laptop mit ihren Freundinnen kommuniziert, an Klassen-Skype-Konferenzen teilgenommen und Schulaufgaben im Netz gelöst. Dafür hat sie sich das nötige Repertoire von Facetime, Whatsapp und Skype selbst beigebracht. Ihre Mutter hat sie dann mit der Stop-Motion-Technik vertraut gemacht und ihr aus einem Hocker, Brettern und Schraubzwingen ein kleines Filmstudio gebaut. So ist ihr erster Stop-Motion-Film entstanden.

Lutz Schäfer: „Mit den Begriffen ‚Medienkindheit‘ und ‚Verhäuslichung der Kindheit‘ beschreiben Pädagogen anschaulich die Lebenswirklichkeit heutiger Kinder, die sich von der ihrer Eltern deutlich unterscheidet. Das Verlagern von Lebenszeit von Straße und Wiese in die eigenen vier Wände findet zur Corona-Zeit nochmal potenziert statt. Dabei zeigen sich spannende Nebenwirkungen: Rose übernimmt die Kontrolle über ihre Lernprozesse und macht immense Fortschritte.

Lernpsychologisch gilt das Selbst-Organisierte-Lernen (SOL) als deutlich effektiver als andere Lernformen. Beim gesamten Prozess spielt auch Roses Mutter mit, die zunächst das technische Interesse ihrer Tochter beobachtet, den Trickfilm anregt und auch beim finalen Erstellen des Films hilft. Der methodische Ansatz solcher interaktiver Lernprozesse nennt man Ko-Konstruktion. Die Erwachsenen greifen dabei nicht aktiv in den Gestaltungsprozess ein, haben aber trotzdem wichtige Funktionen: eine pädagogische (ermutigen, bestärken, in Krisen Brücken bauen), eine technische (gemeinsam über Lösungen nachdenken, im Einzelfall unterstützen) und auch eine ästhetische (anregen durch Verfahren oder Material).“

Bild des Tages - 23. April

Emily (7. Klasse): Supermarkt

Lutz Schäfer: „Emily thematisiert mit kritischem Bewusstsein die negativen Veränderungen der Coronakrise: Vor Supermärkten müssen die Menschen plötzlich Schlange stehen, manche Produkte sind ausverkauft. Dabei bleiben alle diszipliniert, doch raffiniert zeigt Emiliy weitere Veränderungen in der Gesellschaft: die Maskenpflicht entpersonalisiert die Menschen und macht sie zu einer großen, grauen Masse. Dafür erfindet die Schülerin einen neuen Typ Mensch, der an gesichtslose Spielfiguren erinnert. Zwischen den in einheitlichem Schwarz gekleideten Menschen lässt Emily in schöner Leichtigkeit Viren fliegen, deren Grün bedrohlich wirkt. Dem sterilen Leben draußen stellt die Schülerin auf der rechten Bildseite ein Leben im Inneren gegenüber, das genauso freudlos wirkt: einsam und alleine wirkt die Gestalt auf dem Sofa vor dem übergroßen Fernseher, der schon den ganzen Tag läuft.“

Bild des Tages - 22. April

Eva (8 Jahre): Dr. Drosten freut sich!

Lutz Schäfer: „Wenn Kinder zeichnen und malen, möchten sie vor allem, dass andere erkennen, was dargestellt ist. Dafür hat sich Eva ein Repertoire an Schemata angeeignet, etwa das zur Menschdarstellung: Ein Kreis mit zwei Punkten, einem Haken und einer Bogenlinie bedeutet ‚Gesicht‘. Diese Zeichen entsprechen zwar auch teilweise der Seherfahrung, sind meist von der Wahrnehmung in der Natur unabhängige Bildsymbole. Vergleichbar mit Schriftzeichen werden diese Zeichen nicht selbst entwickelt, sondern gelernt und geübt. Das neueste Schema ist die Kugel mit abgehenden kurzen Strichen, das für den Corona-Virus steht und von Eva in den Medien gesehen wurde.

Sind die Schemata zur Menschdarstellung gesetzt, genügen sogenannte ‚exemplarische Details‘, um diese Menschen genauer zu beschreiben: Die in gemäßigtem Abstand fliegenden Viren weisen die Dame als Corona-Infizierte mit tadelloser Nies-Haltung in die Ellenbeuge aus. Der Virologe wird einfach durch bunte Reagenzgläser beschrieben. Bei der Darstellung des Forschers versucht Eva aber auch naturalistisch zu gestalten, wenn sie die Hautfarbe nachmischt und ihm durch kurze, überlagerte Pinselstriche eine grau melierte Frisur verpasst. Nicht von ungefähr erinnert er an Dr. Drosten.“

Bild des Tages - 21. April

Carl (8 Jahre): Darth Vader - Star Wars

Für Carl ging in der Corona-Zeit ein großer Wunsch in Erfüllung: Er durfte den Film „Star Wars“ anschauen! Seitdem ist er echter Fan, hat Darth Vader gemalt und gezeichnet und schließlich ein Kostüm gebastelt: Das Laser-Schwert aus Klopapier- und Küchenrollen, den Umhang aus einem alten Hemd seines Vaters. Er hat die Ärmel abgeschnitten und das Hemd kurzerhand mit Wachsmalkreiden angemalt. Schließlich hat er sich ganz in schwarz gekleidet und die wichtige Kontrolltafel mit Sicherheitsnadeln am T-Shirt befestigt.

Lutz Schäfer: „Künstlerisch-ästhetische Bildung bedeutet nicht nur malen und basteln. Die Inspirationen für seine Darth-Vader-Verkleidung hat Carl aus der weiten Welt der kommerziellen Medien entnommen. Dabei bricht er den kommerziellen Weg, weil er keineswegs in Sammelalben gekaufte ‚Star-Wars-Bildchen‘ einklebt, sondern seine emotionale Identifikation mit dem dunklen Krieger nutzt, um in einem ‚Flow‘ über zwei Stunden die Ausrüstung von Darth Vader zu gestalten. Interesse an den Ideen der Kinder zu haben und ihr Denken wertzuschätzen, bedeutet auch, Wege aufmerksam zu begleiten, die außerhalb der eigenen Phantasie- oder Geschmacksvorstellungen liegen. So erfahren die Kinder, dass sie handlungs- und entscheidungsfähig sind und kreatives Gestalten zum Alltag gehört.“

Bild des Tages - 20. April

Li Qi  (7 Jahre): Hamsterhöhle

Li Qi geht in die erste Klasse. Er hat eine Hamsterhöhle gemalt. Ob er das Thema mit dem verbreiteten „Hamstern“ von Klopapierrollen in Verbindung gebracht hat? Sein Papa verrät: „In Wahrheit hat er noch keine Ahnung von Hamstern, den Namen habe ich gegeben. Er macht gerade einen Online-Malkurs und das Thema lautete ‚Tierhöhle‘. Der Lehrer hat gefragt, was man in so einer Höhle alles lagern kann. Dann hat er sich alles ausgedacht.“

Lutz Schäfer: „Phantasie ist die Fähigkeit, sich etwas vorzustellen, was man nicht sieht. Bei phantastischen Aufgaben gestalten Kinder die Situation bildnerisch und denken zugleich darüber nach. In unserem Beispiel greift Li Qi beim Malen der Höhle Aspekte seiner Lebenswelt auf (z. B. Leiter, Stockbett und TV-Gerät), transformiert diese aber in die neue Welt der Höhle und phantasiert auch neue Aspekte hinzu. Das ist nicht nur von der Mimesis (Nachahmung) geprägt, sondern auch von der Verwandlung. Leitend sind für ihn dabei die Möglichkeiten, das Bekannte und Vertraute in völlig neue Kontexte zu stellen. Wenn Kinder bildnerisch arbeiten, kann dieser Phantasieraum besonders reichhaltig werden, weil sie Erfahrungen und Vorstellungen ihrer eigenen, subjektiven Wirklichkeit mit den Festlegungen der äußeren Wirklichkeit verbinden und dabei entscheiden, in welcher Weise und in welchem Maß sie sich von der äußeren Realität stimulieren lassen.“

Bild des Tages - 18. April

David (5 Jahre): Davids Tempel

David darf in Zeiten von Corona und Homeoffice mehr fernsehen. Am liebsten sieht er sich die Trickfilmserie „Es war einmal der Mensch“ an, in der die Geschichte der Menschheit nacherzählt wird. Steinzeit, Ägypter, Griechen und Römer hat er schon geschaut. Das hat ihn zu einem eigenen Tempel- und Kathedralbau angeregt. „Wegen Corona dürfen wir ja keine Tempel mehr betreten, deswegen baue ich mir einen eigenen!“

Lutz Schäfer: „Bauklötze staunen! Unglaublich, was Kinder durch intuitives Bauen alles verstehen und gestalten können. Neben der Massivbauweise gehört der Skelettbau zu den grundlegenden Konstruktionsprinzipien in der Architektur. Die Last wird von den einzelnen Tragelementen aufgefangen. Das tragende Skelett bestimmt dann die Form des Baukörpers. Davids Tempel verfügt über alle wesentlichen architektonischen Merkmale: Basis, Säulen, Architrav, Tympanon und hat innen sogar ein Tonnengewölbe. Der Bau ist streng symmetrisch, die aufgesetzten Giebel wiederholen im Kleinen die Dreiecksform des Daches, das durch die Quaderform durchbrochen wird. Diese ermöglicht die kreisförmige Öffnung und schafft Raum für einen Ausblick oder eine Fensterrose.“

Bild des Tages - 17. April

Alina (8 Jahre): Unser Garten

Ein Glück, wer jetzt einen eigenen Garten hat! Mit ihrer Familie wäre Alina  jetzt eigentlich bei Verwandten in Ostfriesland zu Besuch. Jetzt hat sie viel Zeit, um mit ihrer Schwester im Baumhaus zu spielen, auf dem Holzpferd davon zu reiten oder auf dem Trampolin zu hüpfen.

Lutz Schäfer: „Es ist unschwer zu erkennen, dass es Alina in ihrem Garten gut geht! Beim Zeichnen orientiert sie sich nicht durchgehend an der visuellen Erscheinung der Dinge, vielmehr ist ihr die Klärung der Sachlage wichtig. Um dies zu erreichen, zeichnet sie die Gegenstände von ihrer prägnanten Seite, denn darstellen heißt für Kinder klarstellen.

Das alterstypische ‚Prägnanzprinzip‘ zeigt sich besonders, wenn das Mädchen die Sprungfläche des Trampolins einfach ‚umklappt‘ und Seiten- und Aufsicht kombiniert. Auch die Leiter zum Baumhaus wird aufgeklappt, damit ihr wichtiges Kennzeichen, die Sprossen, gut zu erkennen sind. Prägnant werden auch das Haus, das Pferd und der Mensch dargestellt, die alle auf der unteren Bildkante ‚stehen‘. Auch dies kann als Hinweis auf das Bedürfnis nach Klärung gelesen werden: Für das Kind steht das Haus auf der Erde und berührt den Himmel. Diese Erfahrung schlägt sich dann in der Zeichnung nieder. Diese ‚Verständigungstendenz‘ zeigt sich bei vielen Kindern schon im späten Kindergartenalter und steigert sich zusehends im Grundschulalter.“

Bild des Tages - 16. April

Rosi (6 Jahre):  Mein Rucksack

Rosi hat einen Rucksack aus Materialen gebastelt, die sie in der Grüne-Punkt-Tonne gefunden hat. Im Herbst kommt sie endlich in die Schule und freut sich schon sehr. Einen Rucksack kann man umschnallen und er hat verschiedene Fächer, das weiß sie schon. In jedes Fach legt sie wichtige Sachen.

Lutz Schäfer: „Rosis Handlungen charakterisieren anschaulich eine Spielart der ästhetischen Arbeitsweisen, das freie oder ‚wilde Basteln‘. Darunter versteht man ergebnisoffenes Handeln, selbstbestimmtes Verwenden von heterogenem Material und vielfältige selbstgewählte Techniken. Die individuellen Suchbewegungen des bastelnden Kindes stehen so im Gegensatz zu einem herkömmlichen Bastelverständnis nach einer vorgegebenen Anleitung. Beim freien Basteln geht es um eine experimentelle und improvisierende Vorgehensweise, weshalb diese Art des Bastelns als kreativer Prozess bezeichnet werden kann.“

Bild des Tages - 15. April

Toni (14 Jahre): Das Haus gegenüber

Toni zeichnet und malt gerne Landschaften. „Vor allem, wenn wir im Urlaub in den Bergen sind, z.B. in Südtirol oder in Österreich.“ Dieses Jahr fällt der Urlaub aus. „Ich habe einfach aus dem Fenster geschaut und das Haus gegenüber gezeichnet.“

Lutz Schäfer: „Unter der Vielzahl bildnerischer Techniken kindlicher Gestaltungen nimmt das Zeichnen eine ganz besondere Rolle ein. Die Bedeutung des Zeichnens für Kinder und Jugendliche liegt in der spezifischen Qualität der Linie begründet. Mit einer Linie kann man auf einer Fläche Spuren hinterlassen und Gebilde schaffen, die als zeichnerische Repräsentation von ‚etwas‘ aufgefasst werden können. Beim Zeichnen muss man ganz genau hinschauen und sich lange Zeit nehmen. Toni hat nicht nur die Umrisse des Hauses erfasst, sondern auch viele Details  beobachtet. Wenn man genau hinschaut, erkennt man, dass er auch das Fenster seines Zimmers von innen gezeichnet hat. Außenwelt und Innenwelt werden so zusammen in einem Bild sichtbar.“

Bild des Tages - 14. April

Nils (11 Jahre): Der Leser schläft

Lutz Schäfer: „Zeichnen heißt, Beobachtungen oder Erlebnisse zu entäußern. Dabei kann eine einfache Linie Unglaubliches leisten. Sie grenzt das eine vom anderen ab. Die Fähigkeit der Linie zum Umriss ermöglicht ein Verhältnis zur sichtbaren Wirklichkeit. Die Fähigkeit, für die äußere Wirklichkeit eine schnell verstehbare Form zu finden, ist eine besondere Qualität der Zeichnung. Nils leistet mit 11 Jahren etwas Verblüffendes: Auch wenn die hintere Raumkante fehlt, konstruiert er beim Zeichnen des Bettes perspektivisch. Er zeichnet sogar die Schatten, die es auf den Boden wirft, in ihrer Unschärfe. Bei allen Versuchen, die Wirklichkeit möglichst ‚echt‘ wiederzugeben, hat er Humor und Erfindungskraft, wenn er eine ausgeschnittene Briefmarke als Bild an die Wand hängt.“

Bild des Tages - 13. April

Loredana (12 Jahre) und Solveig (11 Jahre): Pflanzenformen

Die beiden Freundinnen haben entdeckt, dass Salatstrünke und Blumen verwandt sind. Einfach Salat abschneiden und losdrucken.

Lutz Schäfer: „Das Wort ‚drucken‘ bedeutet, dass ein Gegenstand mit Kraft auf einen anderen einwirkt. Dabei kann er ablesbare Spuren hinterlassen. Drucken bietet die Möglichkeit, den Gestaltungsprozess als Experiment zu begreifen. Einen besonderen Reiz entfaltet dabei der Materialdruck. Fundstücke und Gegenstände lassen sich ganz einfach einfärben und als ‚Druckstock‘ wie einen Stempel nutzen. Das Besondere des Materialdruckes ist, dass sich beim Druck nicht nur die Form des Gegenstands auf das Papier überträgt, sondern auch die spezifische Struktur der Oberfläche. So wird Vertrautes wieder ‚fremd‘ und damit Anlass zu ästhetischen Erfahrungen.“

Bild des Tages - 12. April

Benjamin und Tamiro (8 Jahre): Unser Loch

Seit nunmehr vier Jahren arbeiten die beiden Freunde Benjamin und Tamiro an ihrem Loch im Hinterhofgarten. „Jetzt haben wir endlich Zeit, unseren Pool fertig zu stellen!“ Zunächst sollte das Loch ein Keller werden. Dann wollten die beiden ein kleines Haus bauen, danach einen Tunnel zum Nachbarn graben. „Das haben unsere Eltern nicht erlaubt.“ Die beiden sind sich sicher, dass sie den Pool dank der Corona-Pause bis zum Sommer fertig bekommen. „Dieser Block muss noch weg, dann müssen wir noch eine Folie bestellen.“

Lutz Schäfer: „Situationen, in denen Kinder handlungs- und entscheidungsfähig sein können, die das Potenzial zu ästhetischen Erfahrungen und damit zu einer kreativen bildnerischen Auseinandersetzung haben, bedürfen keiner ‚Inszenierung‘ von Erwachsenen. Wenn diese Situationen offen und differenziert zugleich wahrnehmen, können alltägliche Handlungen eine tolle Dynamik entwickeln. Die Fähigkeit, diese Dynamik nicht auszubremsen, ist nicht trivial. In diesem Fall dürfen die Kinder über Jahre an ihrem Projekt arbeiten. Dass sich das Ziel dabei immer wieder ändert, ist typisch für kreative Prozesse.“

Bild des Tages - 11. April

Solveig (11 Jahre): Wasseroberfläche

Viele Male schon ist Solveig mit dem Fahrrad am Rheinufer gewesen. Doch dieses Mal ist alles anders. Es sind kaum Menschen zu sehen und auch Schiffe fahren keine. Sie schaut lange auf das ruhig dahin strömende Wasser und fragt dann „Was ist das eigentlich auf der Wasseroberfläche? Liegt da ein Film drauf, ist das eine Haut? Das fällt mir heute zum ersten Mal auf."

Lutz Schäfer: „Inhalte für Bilder entstehen aus Entdeckungen und Fragen, die sich auch in Momenten des Alltags ergeben können. Solche Momente des sinnengeleiteten Aufmerkens auf ein Phänomen heben sich von einer beiläufigen, alltäglichen Wahrnehmung ab. Wenn auf dieses Aufmerken eine Bedeutungskonstruktion folgt, auch in Form eines Bildprozesses, spricht man von ästhetischen Erfahrungen.“

Bild des Tages - 10. April

Lenny (8 Jahre): Zeit zum Spielen

Was hat sich geändert? Lenny freut sich auch darüber, dass er gerade keine Schule hat: „Ich habe endlich viel Zeit, mit Playmobil zu spielen.“

Lutz Schäfer: „Kindliche Spiel- und Schaffensprozesse sollten – wenn möglich – nicht unterbrochen werden. Zeit ist kein Faktor der Effizienz, sondern eine unbegrenzte Ressource. Die Zeichnung des Grundschülers ist scheinbar unspektakulär, doch Lenny zeichnet liebevoll und sehr detailreich, was ihn gerade erfüllt.“

Bild des Tages - 9. April

Rosa (6 Jahre): Der Kirschbaum in unserem Hof

Rosa hat zunächst einen blühenden Kirschbaum gemalt, den sie beim Spaziergang mit dem Hund gesehen hat. An dieses Bild hat sie links eines vom Hoftor und rechts ein Bild ihres Wohnhauses geklebt, alle schlafen gerade! Ihr Puppenhaus kann Geräusche machen, am Himmel sieht man Vogelgezwitscher.

Lutz Schäfer: „Das Bedürfnis, bewegende Momente in Bilder zu fassen, hat jedes Kind. Es spürt beim Gestalten eine Erfüllung, die immer dann deutlich sichtbar wird, wenn sich ein Kind im Gestaltungsprozess »verliert«. Rosa hat über eine Stunde versunken im Prozess gemalt und das Wunder der Blüte großartig gezeichnet.“

Worum es bei „Alles anders“ ging

Seit der Corona-Virus in unser Leben getreten ist, ist es nicht mehr das gleiche wie früher. Wir halten Abstand, sind viel mehr zu Hause als woanders, Schule ist Nicht-Schule, es gibt ein „hier“ und ein „dort“. Unser Leben hat sich geändert: wir machen vieles anders, sehen unsere „alte“ Welt mit neuen Augen, schauen genauer hin, entdecken neue Bilder, finden neue Fragen.

Das Institut für Kunst der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe hatte deshalb Kinder und Jugendliche von 6 bis 16 Jahren aufgefordert, sich ein Bild ihres neuen Lebens zu machen. Ob mit Bleistift, Farbe und Pinsel, Kreide oder Buntstift – alle Materialien waren erlaubt. Auch Fotos und Filme oder andere Techniken. Die Schülerinnen und Schüler hatten freie Wahl. Und haben sie genutzt.

Kinder zeigen im bildnerischen Tun nicht nur das, was sie wissen und können, sondern vor allem das, was ihnen wichtig ist.
Prof. Dr. Lutz Schäfer

Vielen Dank für Eure Bilder!

Wir danken allen Kindern und Jugendlichen, die uns ihre Bilder geschickt haben. Und natürlich auch den Eltern für ihre Unterstützung. Die Mailbox, in der die Arbeiten eingingen, war eine Wundertüte. Und wir waren jeden Tag aufs Neue gespannt, was es wohl zu entdecken geben würde.

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Letzte Änderung: 28.05.2020
Für den Inhalt verantwortlich: regina.schneider@vw.ph-karlsruhe.de