Wildes Basteln: Alltagsmaterialien umdeuten und die eigene „Behausung“ nachbauen. Foto: Jessica Welsch
Kunst-Aktion für alle:

Wildes Basteln gegen den Corona-Frust

Erstsemester hatten es im Corona-Jahr 2020 nicht leicht. Auch Kunststudierenden fiel der Studienanfang schwer. Denn sie konnten die Ateliers nicht benutzen und waren auf ihr Zuhause zurückgeworfen. Prof. Dr. Lutz Schäfer, Leiter des Instituts für Kunst der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe, wendete diese Tatsache konstruktiv und stellte sein Einführungsseminar zum künstlerischen Gestalten unter das Motto „Behausung“ . Ein Highlight des Seminars im Wintersemester 2020/21 war das Projekt „Wildes Basteln“, bei dem Kunststudierende ihr eigenes Zimmer als Modell nachgebaut haben. Intuitiv und improvisierend deuteten sie dabei Alltagsmaterialien um: aus Eierkartons oder Kaffeepads wurden Schreibtischstühle und aus zerknülltem Papier eine aufgeworfene Bettdecke. Entstanden ist dabei ein „immenses Spektrum an Arbeiten - von detailliert eingerichteten Puppenstuben über cleane Wohnwelten bis hin zu abstrakt umgesetzten Modellen."

Projekt für alle geöffnet

Und weil die Arbeiten der Studierenden so faszinierten, öffnete Lutz Schäfer das Projekt für alle, die auch Lust hatten, ihre „Behausung“ als Modell nachzubauen. Alle Materialien waren erlaubt - egal ob Gebrauchtes, Gefundenes oder Gekauftes. Und es gab keine Altersbeschränkung. Alle konnten  mitmachen und Fotos ihrer Modelle bis zum 11. Januar 2021 mit Namen und Altersangabe einreichen. Die interessansten drei Einsendungen sind hier zu sehen.

Sabine Kowalczyk, 57 Jahre

Lutz Schäfer: „Dieses Zimmer wirkt nicht nur auf den ersten Blick täuschend echt und man glaubt, die Gemütlichkeit der guten Stube mit den Augen greifen zu können. Das liegt auch an der besonderen Sensibilität der Künstlerin für Materialien. Sie hat diese ganz in der Nähe zu den Ausgangsmaterialien angesiedelt: Für die Eisengerüste der Sofas oder den Beistelltisch (samt formidablem Adventskranz) verwendet sie Draht, verschiedene Stoffe kommen bei der Sitzbank am Fenster, den Sofas oder dem flauschigen Teppich inmitten des Raumes zum Einsatz. Bei der Tapete bleibt sie beim Material, so dass sich die rauen Fasern vergrößern und dabei besser wirken als ihre kleinen Vorbilder im Original. Auch wenn die Ausgangsmaterialien wie Gold- und Alufolie oder die sich wellende Pappe gut erkennbar bleiben, sind sie immer zugleich auch ein lebendiges Bild der Bestandteile des Wohnzimmers. Neben einer guten Beobachtungsgabe und der sensiblen materiellen Umsetzung verblüfft am meisten, dass in der Inszenierung so viel Atmosphäre entsteht. Unterstützt durch das schöne, milde Seitenlicht, welches wunderbare Schatten auf Boden und die Wände wirft, wirkt es, als ob in diesem Raum kurz die Zeit stehen geblieben ist.“

Mariana Kerl, 23 Jahre

Lutz Schäfer: „Aus Graupappe wurde dieses übersichtliche Zimmer gebaut, das durch ein überraschend einheitliches Farb- und Formkonzept charakterisiert ist. Im Zimmer finden sich nur wenige Accessoires, auf Überflüssiges wird weitgehend verzichtet. Die Möbel sind übersichtlich und klar im Raum angeordnet. Es dominieren klare, rechtwinklige Formen, die an wenigen Stellen vorsichtig kontrastiert werden: durch die Kugel vor dem Sofa in ihrer Rundheit oder durch das malerische und unregelmäßige Naturholz, aus dem Hocker und Schreibtisch gebaut sind. Ein ausgeprägtes Basteltalent zeigt sich bei der auffälligen Stehlampe, die auch in ihrer Modellform ein Hingucker ist: Das Designerteil besticht durch eine Leichtigkeit des Lampenfußes, der zur streng-geometrischen Form des Lampenschirms führt. Klar und prägnant ist auch das Farbkonzept des Zimmers: die hellen, und unbunten Farben der Wände und Möbel werden durch das warme Rot des Teppichs, der Kissen und der Tagesdecke ergänzt: Durch das Aufeinandertreffen von bunten und unbunten Farben entsteht ein Qualitätskontrast. Im Kissen auf dem Sofa finden Farben und Formen zusammen: Auf dem kantigen Bett liegen weichen Formen mit roten Kreisformen. In dieser harmonischen Spannung lässt es sich leben, wie das Leitmotiv an der Wand unschwer erkennen lässt.“

Martina Herzog, 40 Jahre

Lutz Schäfer: „Leicht und schwer, streng und weich, wer wünscht sich nicht ein solches Gästezimmer, wenn er bei Freunden zu Besuch ist? Die Kompositionsrichtlinie des Raumes wird mit der farbigen Gestaltung der Wände vorgegeben: Drei Wände bleiben weiß, eine Wand wurde in schwerem Violett farbig gefasst. Dieses Gestaltungsprinzip dominiert auch den plastischen Bereich. Die Möbel bleiben weiß und leicht und schmiegen sich unauffällig an die Wände. Daneben ziehen sich durch den ganzen Raum dunkle Rottöne in dezenten Farbabstufungen. Der flauschige Teppich auf dem schönen Holzboden strahlt Wärme aus, die schwarze und violette Bettwäsche lädt zum tiefen Versinken ein. Dabei kann man unschwer eine auffällige Freude am Streifenmuster genießen. Wer sich auf dem schwarzweiß gestreiften Leintuch niedergelegt hat, erspäht an der Wand gegenüber das Bild eines Zebras, und wer mutig ist und die Türe auflässt, hat vielleicht das Glück, dass der Kater zu Besuch kommt und das gestreifte Glück vollkommen macht.“

Es bedurfte keiner besonderen Materialien oder Techniken - Fundstücke und Entsorgtes sind überall vorhanden. Das freie Finden technischer Wege gehörte im Seminar ausdrücklich mit zu den Herausforderungen.
Prof. Dr. Lutz Schäfer

Die Arbeiten der Studierenden

Lutz Schäfer erläutert das Konzept hinter dem Seminar

Warum wildes Basteln?

„Der Bastelbegriff ist im kunstpädagogischen Bereich an und für sich verpönt, weil darunter eine weit verbreitete ‚Anleitungskultur‘ verstanden wird, bei der Materialien gezielt bereitgestellt und Verfahrensweisen kleinschrittig vorgegeben werden. Der Prozess ist von einem zuvor definierten Ergebnis her festgelegt. Im engsten Fall – dem herkömmlichen Vormach-Nachmach-Vorgehen – gibt es gar keinen Spielraum mehr und es werden lediglich vorgefertigte und schablonenartige Vorgaben nachvollzogen.

Experimentell und improvisierend handeln

Das ‚Wilde Basteln‘ steht dieser Ausfassung nahezu diametral entgegen, weil man darunter ein freies, intuitives Basteln versteht. Das Handeln ist ergebnisoffen, die Vorgehensweise experimentell und improvisierend, denn es gibt keinen vorgegebenen oder erstellten Plan. Beim ‚Wilden Basteln‘ entstehen im Tun Strategien, die aber auch geändert werden können, wenn sich neue, wichtige Aspekte einstellen oder Zufälle an Bedeutung gewinnen. Die Handlungen sind durch eher vage Vorstellungen auf der einen Seite und den Blick auf vorhandene Materialien auf der anderen Seite bestimmt. Das Wechselspiel zwischen unbestimmtem Suchen und unverhofften Entdeckungen ist bezeichnend für die Ideenfindung beim ‚Wilden Basteln‘.

Aus Schaschlikspießen werden Hochbettbeine

Die erfinderische Qualität ist individuell gebunden. Das zeigt auch der Blick auf die unterschiedlichen Typen von Schreibtischstühlen, die im Rahmen des Einführungsseminars 2020 entstanden sind: Draht, Eierkartons, Flaschendeckel oder zwei gebrauchte Kaffeepads werden umfunktioniert und zu mitunter stylischen Möblen geformt.

Gerade die Umdeutung aufgrund von Formanalogien ist besonders reizvoll, wenn aus einem Stück geknülltem, kariertem Papier eine aufgeworfene Bettdecke, Schaschlikspieße zu Beinen des Hochbetts oder Drahtreste eines Spiralblockes zu Schrankgriffen altdeutscher Art werden. Die Zusammenstellung zeigt ein immenses Spektrum von detailliert eingerichteten Puppenstuben über cleane Wohnwelten bis zu abstrakt umgesetzten Modellen.

Ein lebendiges und waches Spiel

Der Zusammenhang von anfänglicher Absicht und Wirkung ist weder geplant noch von vornherein erfolgsversprechend. Es gibt kein kalkuliertes Anwenden von Wissen – vielmehr scheinen die Aktionen und die Bedeutungserzeugung sprunghaft. Es ließen sich ein spontan anderer Einfall und damit ein anderer Verlauf denken. Und doch zeigt sich ein typisches Muster: Es ist die Bewegung im Rahmen eines Vorgangs, den man als lebendiges und waches ‚Spiel‘ bezeichnen kann. Aus einer ästhetischen Erfahrung erwächst ein dichter kreativer Prozess. Künstlerisches Denken kann im geschützten Rahmen eines Spiels viele spontane und assoziative, Formen annehmen – aus Sicht der Kreativitätstheorie manifestiert sich darin das divergente Denken.

Bastelnde zeigen Achtsamkeit

Zweifellos ist die Tätigkeit des ‚Wilden Bastelns‘ kreativ zu nennen, was im Hinblick auf typische Persönlichkeitseigenschaften kreativer Personen unmittelbar ersichtlich wird: Bastlende zeigen Achtsamkeit in der Auseinandersetzung mit dem Material, Flexibilität bei neuen Deutungen der vorgefundenen Gegenstände, Originalität und Risikobereitschaft bei der Kombination der einzelnen Elemente und Selbstvertrauen, um zu dieser Entscheidung auch zu stehen. Schließlich auch Ausdauer, wenn es darum geht, schwierige und unklare Situationen auszuhalten und zu überwinden, was Frustrationstoleranz erfodert.

Etwas ganz individuell entwickeln

Wildes Basteln bedeutet demnach, keine ‚gestellte‘ Aufgabe nach engen Vorgaben bewältigen zu müssen, sondern selbst Entscheidungen fällen und verantworten zu können, was die eigene Selbstwirksamkeitserfahrung stärkt. Am Ende steht ein Produkt als Aufweis einer Elaborationsfähigkeit, der Fähigkeit, etwas ganz individuell entwickelt und entäußert zu haben.“

Kontakt

Sprechstunden in der vorlesungsfeien Zeit:
Dienstag, 2. März 2021, 11 bis 12h
Mittwoch, 17. März 2021, 10 bis 11h
Montag, 29. März 2021, 11 bis 12h
sowie nach Vereinbarung

Pressemitteilung

Letzte Änderung: 14.01.2021
Für den Inhalt verantwortlich: regina.schneider@vw.ph-karlsruhe.de